Von der Wielandkommune zu den Haschrebellen
Drei Amerikaner fliegen um den Mond und sehen die Erde
als kleine blaue Murmel. Nach drei Wahlgaengen wird mit
Gustav Heinemann erstmals ein Sozialdemokrat Bundespraesident.
Drei Tage ist der Februar alt, da wird Jassir Arafat,
Chef der Al Fatah, vom Palaestinensischen Volkskongress zum
Vorsitzenden der Palaestinensischen Befreiungsorganisation
(PLO) gewaehlt. Drei Tore mehr als Ajax Amsterdam schiesst
der AC Mailand und darf sich fortan Europacup-Sieger nennen.
Drei mal hundert US-Piloten befinden sich nach amerikanischen
Angaben in nordvietnamesischer Gefangenschaft, als der neue
amerikanische Praesident Richard Nixon den Abzug von 25.000
Soldaten aus Vietnam bekannt gibt.
Zurueck in Muenchen, das Jahr eins nach 1968 hat inzwischen begonnen, gruenden Irmgard Moeller und Fritz Teufel zusammen mit Rosemarie Heinikel, einer der schillernsten Figuren der damaligen Hippie- und aufkommenden Pornoszene, dem gemeinsamen Bekannten Heinz Georg "Jimmy" Vogler und zwei weiteren Freunden die Kommune "Wacker Einstein" - benannt nach einem Berliner Fussballclub und der Wohnungsadresse in der Einsteinstrasse 151, 4. Stock. Man wirft das Geld in einen Topf, unternimmt viel gemeinsam und fuehrt zusammen auch politische Aktionen durch; sprengt etwa eine als verlogen empfundene Feier gegen den Nationalsozialismus an der Muenchener Universitaet. Enge Kontakte gibt es zu einer befreundeten Kommune in der Metzstrasse 15, die sich um das Studentenpaar Rolf Heissler und Birgit Monhaupt, beide immatrikuliert an der Philosophischen Fakultaet der Muenchener Universitaet, gebildet hat.
Anfang 1969 wird es ruhiger um Fritz Teufel; nur einmal macht er noch Schlagzeilen. Im Fruehjahr wirft er im Landfriedensbruch-Verfahren gegen den Muenchener Rechtsreferendar Rolf Pohle in Zusammenhang mit den Oster-Demonstrationen vor der Muenchener Bild-Druckerei dem Staatsanwalt Dieter Emmerich ein Gesetzbuch an den Kopf. Emmerich hatte zuvor eine dreitaegige Ordnungshaft gegen Teufel beantragt, weil dieser den Richter aufgefordert hatte, sein "Maul" zu halten. Teufel wird von mehreren Ploizisten umringt und aus dem Saal gefuehrt.
Ruhiger wird es auch um die APO. Glaubten viele im Fruehsommer 1968 an der Schwelle zur Revolution zu stehen, muessen Anfang 1969 die politischen Niederlagen des Jahres 1968 verdaut und Wunden geleckt werden. Die Notstandsgesetze sind verabschiedet, die Pariser Revolte niedergeschlagen, der Prager Fruehling von Panzern ueberrollt, Rudi Dutschke von der politischen Buehne geschossen und die Geschaefte des Verlegers Axel Caesar Springer laufen gut wie eh und je. Immer klarer wird, dass grundlegende politische Wandlungen nicht im Schnellverfahren zu haben sind. Doch fuer eine langfristige, grundlegende Umwaelzung der Verhaeltnisse fehlt jede Strategie.
Im SDS brechen Konflikte und Fraktionskämpfe aus: Wie soll sich die Bewegung in Zukunft organisieren und wie halten wir es mit der Gewalt: das sind die Fragen, die jede Menge Sprengstoff in sich bergen. Für weite Teile der APO gehören provokative und illegale Aktionen ausserhalb der Gefährdung von Menschenleben inzwischen zum selbstverständlichen Aktionsrepertoire, da erst sie die Bewegung überhaupt ins öffentliche Bewusstsein bringen würden. Dabei reicht das Spektrum der "Provokationen", von der bewussten Nichtbeachtung von Demonstrationsauflagen bis hin zur konkreten Planung von Bombenanschlägen.
...
Im Hintergrund stand dabei nicht die Ideologie der Rote-Armee-Fraktion, sondern, wie es damals formuliert wurde: Gewalt gegen Sachen, aber nicht gegen Personen.
...
Neben den vielen K-Gruppen, die das Erbe des eher traditionalistischen Flügels des SDS antreten, entwickelten sich auch lockere, aktions- oder projektorientierte Zusammenschlüsse: Betriebsbasisgruppen, antiautoritäre Kinderläden und Landkommunen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es gründen sich aber auch kleine Zirkel, die zum Ziel haben, die erste Keimzelle für eine Stadtguerilla zu schaffen. Eine davon ist die in der Charlottenburger Wielandstrasse beheimatete "Wielandkommune", in der zehn bis zwanzig Leute, darunter auch mehrere Kinder, in acht Zimmern leben und sich hauptsächlich von Raubdrucken und Ladendiebstählen ernähren. In der eng mit der Kommune 1 verbundenen Wohngemeinschaft um den Kieler Prefessorensohn Georg von Rauch wird eifrig darüber diskutiert, wie eine Guerilla aufgebaut werden kann. Schriften wie Robert Williams "Stadtguerilla", Regis Debrays "Revolution in der Revolution", oder Che Guevaras "Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam" dienen als theoretischer Hintergrund. Man sieht sich als verlängerter Arm der Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt", deren Aufgabe es sei, in den Metropolen, im Herzen der kapitalistischen Bestie, den Kampf aufzunehmen. Aus der Theorie wird schnell Praxis. Im Winter 68/69 fahren Georg von Rauch und der zur Wielandkommune gestossene Bommi Baumann im Auftrag des SDS nach Italien, um Waffen für die in Westberlin organisierten Widerstandsgruppen gegen die griechische Militärdiktatur zu besorgen. Verleger Feltrinelli stellt den Kontakt zu den Roten Brigaden her. Kurz darauf wird in der Wielandkommune ein Anschlag auf den neuen US-amerikanischen Präsidenten geplant, der Ende Februar seinen Antrittsbesuch in Westberlin macht. An der Fahrtroute des Regierungschefs deponierte Baumann einen Sprengsatz, gross genug, um Nixon einen kräftigen Schrecken einzujagen, zu klein, um ihn wirklich zu verletzen. Die Bombe stammt vom Verfassungsschutzspitzel Peter Urbach, ein gebrochenes Zündkabel verhindert ihre Detonation. Doch aus dem Mehl und den Rauchkerzen der Kommunarden ist nun scharfe Munition geworden.
Aus der Wielandkommune und der Kommune Nimrodstraße in Berlin-Tegel heraus entwickelt sich Mitte 1969 der "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen". Den Namen, eine ironische Anspielung auf die zahlreichen neuen Parteigründungen mit hochrabenden Namen, steuert Kunzelmann bei. Hauptangriffspunkt dieser Gruppe um Ronald Fritsch, Georg von Rauch, Ralf Reinders, Thomas Weissbecker, Bernhard Braun und den Kommune-1-erfahrenen Bommie Baumann ist die restriktive Drogenpolitik des Berliner Senats, die permanenten in bestimmten Szene-Treffs zur Folge hat. Die Gruppe will das Recht auf freien Rausch durchsetzen und veranstaltet Gegenaktionen wie ein öffentliches "Smoke-in" im Berliner Tiergarten, bei dem 400 Personen unter den Augen der tatenlos zusehenden Polizei "Dope" rauchen. Und nochwas unterscheidet die Haschrebellen vom SDS und der Kommune 1: Die meisten von ihnen haben keinen akademischen Hintergrund, kommen aus kinderreichen Arbeiterfamilien und haben sich eher in der Gammler-Bewegung herumgetrieben als auf sozialistischen Schulungsseminaren. In der Folge der Razzien in den einschlägig bekannten Clubs kommt es zu regelrechten Strassenschlachten mit den kontrollierenden Einsatzkräften. Die Diktion der in der neugegründeten linksradikalen Berliner Untergrundzeitschrift 883 veröffentlichten Flugblätter wird immer martialischer:
"Es ist Zeit zu zerstören!
In Berlin besteht seit einiger Zeit der Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen.
Die Haschrebellen haben dem Polizei- und Dezernatsterror den aktiven Kampf angesagt ...
Die Haschrebellen sind der militante Kern der Berliner Subkultur.
Sie kämpfen für eine eigene freie Entscheidung über Körper und Lebensform.
Schliesst euch diesem Kampf an.
Bildet militante Kader auf den Dörfern und den Metropolen.
Nehmt Kontakt zu ähnlichen Gruppen auf.
Scheisst auf diese Gesellschaft der Halbgreise und Tabus.
Werdet wild und tut schöne Sachen.
Have a Joint.
Alles was ihr seht und es gefällt euch nicht, macht es kaputt!
Habt Mut zum kämpfen, habt Mut zu siegen."
Marco Carini - Fritz Teufel
Wenn's der Wahrheitsfindung dient

Konkret Literatur Verlag
ISBN 3-89458-224-3